Beitrag des Linzer Cartels zu Seminar XI
am 16.12.2011
DEMONTAGE DES TRIEBS.doc
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DEMONTAGE DES TRIEBS
Im Linzer Cartell zum Seminar XI sind: Alexandra Lagemann
Norbert Leber
Elisabeth Müllner
Monika Seiler
Andreas Steininger
Brigitte Zahel
MONIKA SEILER:
EIN Gedicht
eine Dichtung verdichten dann Auslassen – Rauslassen
Zielgehemmt sich oft verrennt sublimiert sich verirrt
Vom Drang zu Entladung – zur Quelle -von Objekt zu Objekt sich erstreckt und versteckt, zum Ziel – ja dann-steht es dauerhaft still
Der Trieb diese Energie sie verlässt mich nie - ein Uhrwerk das niemals steht sich jedoch verdreht bis im Tod es vergeht od. steht
ANDREAS STEININGER:
Warum denn Demontage des Triebes?
Ich nehme den Begriff „Demontage“ dort auf, wo ein Filmvorführer, ein Cutter, ich weiß die genaue Bezeichnung nicht, jedenfalls jemand, der Rohszenen zu einem kontinuierlichen Film verklebt, wo also ein solcher Mensch sachgerecht den Film dann wieder zerlegt, gewissermaßen also die Idee des Kontinuums wieder rückgängig macht. Damit lässt sich arbeiten. Denn es ist bei weitem nicht so natürlich, wie es den Anschein hat, darauf will Lacan hinaus, wenn Freud am Trieb die integralen Bestandteile Drang, Quelle, Objekt und Ziel identifiziert.
Was ich zeigen möchte, das ist, dass Freud in seinem Entwurf einer Psychologie von 1895 erstmals einen Apparat, eine Maschine, wenn man so will, eine PHI-PSY-OMEGA Maschine montiert, welche ihn sodann aber, je mehr er sie verschraubt, vor eine, wie er schreibt, „anscheinend ungeheure Schwierigkeit“ stellt. Was er dann tut, das ist, Grundannahmen zu revidieren. Was dabei rauskommt, ist sehr erhellend vor allem dahingehend, was ein Verständnis vom Trieb angeht. Freuds Text von 1895 ist wohl der Prototyp der psychoanalytischen Theorie, er strotzt nur so vor Herrensignifikanten. Mehr und mehr aus dem neurophysiologischen Kontext entbunden, werden diese Worte Freud zeitlebens begleiten. Wenn wir die Maschine, die er hier bastelt, weniger dahingehend befragen, ob sie denn überhaupt materielle neurologische Korrelate hat, sondern in einer Maschine die Idee einer geronnen Struktur sehen, so müssen wir uns möglicherweise weniger gegen diesen Text wehren als Freud dies selbst getan hat.
Freud steckt zunächst sofort das Feld ab, in dem wir die Dinge zu verorten haben. Es geht ihm um das Nervensystem. Das Freudsche Feld meint also nicht die Gesamtheit des Organismus, es geht nicht um das Lebewesen als Ganzes, oder um das Lebendige, Lacan betont es. Freud selbst spricht etwa trocken vom „Körperelement“ von dem das Nervensystem Reize aufnimmt. Das hat Folgen. Nämlich zunächst einmal die, dass es streng genommen kein Innen gibt, dem Nervensystem ist auch das, was wir als das Innere des Körpers betrachten, das Endogene, die Körperzellen und die Reize, die von ihnen ausgehen, äußerlich.
Wir sind also gezwungen, die gewohnte Unterscheidung von Innen und Außen dahingehend zu revidieren, dass wir das, was wir gewöhnlich mit Außen meinen, letztendlich als Reizzuflüsse betrachten, denen sich das Nervensystem potentiell entziehen kann, Freud spricht von Reizflucht. Das, was wir gemeinhin mit Innen meinen, bedeutet nur, dass diese Reizflucht nicht möglich ist, oder anders formuliert, dass das Nervensystem permanent an die somatischen Reizzuflüsse gekoppelt ist sich also nicht entziehen kann.
Das Gesagte hat topologische Konsequenzen. Da das Freudsche Feld nicht in den 3-dimensonalen Raum des Körpers reicht, müssen wir es uns vorstellen wie eine zweidimensionale Fläche im 3-Dimensionalen Körper-Raum. Lacan betont dieses Flächenmerkmal hinsichtlich der Erfordernisse des Umgangs mit dem Freudschen Feld, dazu aber später Genaueres.
Freud führt nun in seinem Entwurf zwei Hauptideen ein: die Idee einer Quantität Q, oder wie er schreibt, das was Tätigkeit und Ruhe unterscheidet. Diese Definition ist sehr vage, insofern, als sie uns nicht sofort die Analogie zur kinetischen Energie oder die Analogie der elektrischen bzw. elektromagnetischen Energie aufzwingt. Diese Offenheit erscheint mir nicht unwesentlich, denn die Energien unterscheiden sich, was ihren möglichen Gebrauch als Analogie angeht, wesentlich voneinander. Beispielsweise hat ein Körper, welcher sich in Ruhe befindet keine kinetische Energie, er muss über einen Impuls wieder angestoßen werden, er speichert nicht. Dort wo es um elektrische Energie geht, ist die Idee der Ansammlung von Energie an distinkten Plätzen denkbar, wir sprechen von einer Spannung, einer Spannung, welche auch abfließen kann. Die elektromagnetische Energie als Analogie bedarf nicht einmal distinkter Plätze, nicht einmal eines Leitmediums, abseits konkreter Leitung bildet sie ein durchaus wechselndes aber permanentes Energiefeld aus.
Ich nehme vorweg, an welche Stelle sich Freud mit seiner Bastelei hinarbeiten wird. Dort wo es um den Druck eines somatischen Bedarfs handelt, ist sein Modell ein rein elektrisches, die Spannung ist also abführbar, Befriedigung gibt es, nämlich im Sinne einer quantitativen Entleerung. Was den Trieb jedoch angeht, werden die Dinge bei weitem komplizierter. Innerhalb der elektrischen Analogie kommt er wohl ins Spiel als eine nicht abführbare quantitative Spannung. Wo der Trieb aber jenseits des rein Quantitativen an qualitative Bewusstseinsinhalte andockt und dort, wo er mit einer Strukturierung bestimmter Zonen im Sinne einer Erotisierung in Zusammenhang steht, ist ein Bruch, ein Bruch, welchen Freud in der Weise abbildet, dass er die rein elektrische Analogie um eine elektromagnetische Analogie ergänzt.
Aber gehen wir Schritt für Schritt vor.
Freuds zweite Grundannahme ist nun, materielle Neuronen vorauszusetzen, welche die Quantität Q leiten. Desweiteren setzt er nun das Prinzip der Nerventrägheit an, welches besagt, dass die Neuronen danach trachten, sich der Quantität Q zu entledigen. Ein primäres Nervensystem, wie er schreibt, gibt nun die Quantität Q, so sie von der Außenwelt kommt, unmittelbar an den Muskelapparat weiter und erhält sich damit reizlos. Eine sekundäre Funktion des Nervensystems besteht darin, unter den Abfuhrbewegungen solche zu bevorzugen und zu erhalten, mit denen ein Aufhören des Reizes verbunden ist, in diesem Zusammenhang spricht er, wie bereits erwähnt, von Reizflucht.
Nun gibt es folgendes Problem: Jene Reize, welche von den Körperzellen auf das Nervensystem wirken, erlauben diese Reizflucht nicht und ergeben die großen Bedürfnisse, wie Freud sagt, Hunger, Sexualität usw. Vielleicht wäre es an der Stelle klärender gewesen, von somatischem Bedarf zu sprechen um explizit damit festzuhalten, dass wir hier nach wie vor im Register des Quantitativen sind. Der Begriff „Bedürfnisse“ könnte vielleicht dafür reserviert bleiben, wo Bewusstseinsrepräsentanzen, Vorstellungen, also Qualitäten, im Spiel sind, wie auch immer. Der somatische Bedarf hört nur unter speziellen Bedingungen auf, nämlich unter solchen, die in der Außenwelt realisiert werden. Dazu bedarf es aber Leistungen, die unabhängig sind von der Quantität Q und die unabhängig vom Nervensystem sind.
Es ist wichtig, hier den Bruch zu erkennen. Die entlastende, intermittierende Komponente ist selbst nicht Teil des Freudschen Feldes. Dem Freudschen Feld entspricht jenes Intervall, in dem der quantitative Reizzufluss sich sammelt bis er sodann zeitverzögert abfließen kann. Dieses Moratorium heißt aber nichts anderes, als dass das Nervensystem gezwungen ist, sich einen permanenten Vorrat der Quantität Q gefallen zulassen, welcher nicht unmittelbar über das Trägheitsprinzip abgeführt werden kann. Diese permanente Spannung nennt Freud „Not des Lebens“ Der Begriff „Not“ ist hier gut gewählt. Denn die endogenen Reize haben kein Gesicht, sie stellen keine konkreten qualitativen Aufgaben an das Nervensystem dar, sondern wirken als unspezifische quantitative Anforderungen.
Die Idee eines Vorrates zwingt Freud nun dazu, Überlegungen zur Speicherung anzustellen. Dabei setzt er nun zwei Arten von Neuronen an, solche, die völlig durchlässig sind, und nachdem sie sich der Quantität Q entledigt haben, im selben Zustand sind wie zuvor, er nennt sie PHI-Neuronen, und eine zweite Gruppe, die er PSI-Neuronen nennt, welche nach und nach Kontaktschranken ausbilden und die Quantität Q nur schwer oder partiell durchlassen. Die ersteren bedienen nur die Reize, welche unmittelbar an den Muskelapparat abgeführt werden können. Die letzteren bedienen die Reize, die aus den Körperzellen auf das Nervensystem zukommen.
Wie dürfen wir uns das vorstellen. Diese Kontaktschranken verhindern zum einen ein ungehindertes Fließen der Quantität Q in alle Richtungen, speichern also die Quantität Q, stauen sie gleichsam auf, geben sie sodann aber doch auch in bestimmte Richtungen weiter. Freud spricht von Bahnungen. Diese Bahnungen erfüllen nun zwei Funktionen. Zum einen dienen sie der Primärfunktion des Nervensystems, lassen also die Quantität Q weiterfließen, zum andern stellen diese Bahnungen ein Organisationssystem innerhalb des Nervensystems dar und sind die Voraussetzung für Speicherung, also für Gedächtnis und für die Möglichkeit psychischer Vorgänge überhaupt, das ist seine erste Interpretation.
Was seine Montage bislang leistet ist, dass klar geworden ist, dass die angesprochene Not als Bedarf sich vom Bedürfnis, wie wir es in unserem Bewusstsein repräsentiert haben, grundlegend unterschieden ist. Reine quantitative Reizspannung und Entspannung ist, sagen wir, desexualisiert, was nicht heißt, dass das Erleben der Entlastung nicht angenehm, vielleicht sage ich nicht gerade lustvoll, erlebt wird.
Ein eindeutiges, allgemeingültiges Beispiel hierfür namhaft zu machen, ist wohl unmöglich, schon aus dem Grunde, weil mein Ansinnen, das Moment des fehlenden Mehrwerts des Lustprinzips einzukreisen, bereits wieder diesen Mehrwert ins Spiel bringt. Finde ich ein treffendes Beispiel, so ist es eben gerade keines, weil sich die Befriedigung, diesen Treffer gelandet zu haben, nur im Rahmen des Lustprinzips beschreiben ließe. Das Reale, das in der Idee des Desexualisierten anvisiert ist, könnte also bestenfalls über mich kommen in einer Weise von außerhalb des Sinns, begehre ich, so überschreibe ich mein Beispiel automatisch mit dem Lustprinzip.
Wenn wir den Drang als Tendenz zur Entladung identifizieren, so will sich zwar durchaus nicht nur die Spannung ob des entstandenen Bedarfs entladen, sondern auch die Not, allerdings entlädt sich nur die Spannung des Bedarfs. Wie gesagt, man kann es vielleicht so sehen, dass die Quantität Q, welche der Not zugrundeliegt, mit einem inhärenten Verzögerungsmoment durch die Bahnungen zirkuliert. Das Moment des aufrechterhaltenen Flusses innerhalb des Freudschen Feldes simuliert dadurch nur die tatsächliche Primärfunktion des Nervensystems, also die Entladung der Quantität Q, wie auch immer, allemal ist ein Sisyphosmoment im Spiel. Wir sehen also, dass wir den Drang des Triebs etwas schwieriger werden fassen müssen.
War Freuds Maschine bislang im wesentlich in der elektrischen Analogie angelegt, so geht er nun einen Schritt weiter und wechselt in eine elektromagnetische Analogie. Er beschäftigt sich nun mit dem Problem, wie Qualität, Bewusstseinsqualität ins Spiel kommt. Denn bisher geht es nur um Reizquantitäten. Und jetzt werden die Dinge genauso abenteuerlich, wie vielleicht auch erhellend. und ich meine, es ist gut, hier nahe mit Freuds Text selbst zu gehen. Ich zitiere also:
„Damit (also mit dem Problem der Qualität) eröffnet sich aber eine anscheinend ungeheure Schwierigkeit. Wir sahen, Durchlässigkeit hängt von der Einwirkung der Quantität Q ab, die PSI-Neuronen sind bereits undurchlässig. Bei noch kleinerer Quantität Q müssten die OMEGA-Neuronen noch undurchlässiger sein. Ich ergänze, die OMEGA-Neuronen sind die dritte Gruppe von Neuronen, welche für das qualitative Moment, für die tatsächliche Bewusstseinsqualität sorgen sollen. Allein, so setzt Freud fort, diesen Charakter können wir den Bewusstseinsträgern nicht lassen. Zum Wechsel des Inhalts, zur Flüchtigkeit des Bewusstseins, zur leichten Verknüpfung gleichzeitig wahrgenommener Qualitäten stimmt nur volle Durchlässigkeit der OMEGA-Neuronen.
Ich sehe nur einen Ausweg, die Grundannahmen über den Ablauf der Quantität Q zu revidieren. Ich habe denselben bisher nur als Übertragung der Quantität Q von einem Neuron zum anderen betrachtet. Freud ist hier also innerhalb der elektrischen Analogie, der an ein Leitungsmedium gebundenen Energieübertragung mit zwischen geschalteten Relais, wenn man so will.
Die Übertragung, so setzt er fort, muss aber noch einen anderen Charakter haben, zeitlicher Natur. Ich heiße dieselbe kurz Periode. So will ich annehmen, dass aller Widerstand der Kontaktschranken nur für die Q-Übertragung gilt, dass aber die Periode der Neuronenbewegung sich ungehemmt überallhin fortpflanzt, gleichsam als Induktionsvorgang.
Was Freud hier also aufgreift, das ist die Idee, dass in einem Leitungsmedium, in dem sich die Strömungsrichtung periodisch ändert, ein elektromagnetisches Feld um das Leitungsfeld herum entsteht, in dem die Energie widerstandslos fließen kann.
Mit anderen Worten, wir haben jetzt streng genommen zwei Arten von konstanten Spannungen, den Überschuss der Spannung im Nervensystem, also im Leitungsmedium und die Spannung des elektromagentischen Feldes um das Nervensystem herum. Zugleich gibt es jetzt aber auch das Kunststück zu bewältigen, den von Freud angenommenen Sprung von Quantitativen zum Qualitativen in Rechnung zu stellen. Man kann freilich sagen, die Ansicht, irgendwelche speziellen Neuronen, welche, was ihren Durchfluss angeht, wenig Leitfähigkeit haben, seien dafür verantwortlich, ist reichlich naiv. Aber lassen wir einfach einmal den Sprung selbst dahingestellt. Vielleicht ist es eine Möglichkeit, die Auswirkungen des Triebs diesseits des Sprunges weiterhin im Rahmen seiner quantitativen, elektromagnetischen Analogie zu fassen. Jenseits des Sprungs kommen wir nicht umhin, das Sisyposmoment des Triebs in Begriffen zu fassen, welche sich im weitesten Sinne an die Flüchtigkeit des Inhaltes, wie Freud schreibt, anlehnen.
Was den Ort des Triebs angeht, so ist er im Moment, wie bereits gesagt, rein quantitativer Leitungsüberschuss der permanent nur in sich selbst herum zirkuliert und damit so etwas wie ein Abfließen simuliert. Mit anderen Worten, als reine Quantität gehört er dem Realen an. Er ist nicht bewusstseinsfähig, genau wie Freud später sagen wird, ein Trieb selbst kann nicht Gegenstand des Bewusstseins werden, außer als Vorstellung.
Wenn wir nun den Einfluss des Triebs in Richtung der Reizquellen im Rahmen der Freud´schen Montage eines zweidimensionalen Nervensystems, eines Leitungsgeflechts, welches von einem elektromagnetischen Feld umgeben ist, weiterverfolgen, so erhalten wir interessante Ergebnisse, die Freud nicht explizit als Teil seiner Montage formuliert. In gewisser Weise reicht das Analogiepotential seiner Montage weiter, als er es selbst ausschöpft. Lacan bringt das zusätzliche Moment ins Spiel.
Denn die Montage einer abgeschlossenen 2–dimensionalen Fläche, welche von einem elektromagentischen Feld umflossen wird, entspricht exakt den Voraussetzungen für die der Satz des englischen Mathematikers und Physikers George Gabriel Stokes gilt. Dieser besagt, dass innerhalb eines solchen Feldes konstante Randzonen auftreten werden. Mit Randzonen ist folgendes gemeint. Der Gesamtfluss über das Feld hinweg ist zwar immer gleich, die Energie bleibt konstant, wenn man so will, aber es bilden sich Zonen stärkeren Durchflusses und schwächeren Durchflusses aus.
Übersetzen wir das auf die Ebene des Nervensystems in Richtung der Reizzuflüsse, so ist es naheliegend, diese Randzonen als erogene Zonen, als Öffnungen nach außen, hin zu den Reizquellen, sowohl zu den endogenen als auch zu den Umweltreizen zu identifizieren. Ich sage absichtlich nach außen und nicht Körperöffnungen, weil der Bezugspunkt das Freudsche Feld, also das Nervensystem ist, und sich dieses streng genommen über die Randzonen hin öffnet.
Die quantitative Wirkung des Triebs als Differenzierung des Nervensystems im Sinne einer Erogenisierung ist also topologisch betrachtet ein Flächenphänomen.
Was nun den Drang des Triebs angeht, so ist er, wie bereits gesagt, innerhalb der kinetischen Analogie nicht fassbar, er unterscheidet sich grundlegend von jeglicher Rhythmik, die vom Organismus herrührt, er muss innerhalb des Freudschen Feldes gelesen werden. Er kann, so führt Lacan aus, ausschließlich konnotiert werden durch die Beziehung zur Quelle. Mit anderen Worten, der Drang des Triebs manifestiert sich in der Weise, dass der Trieb eingeschrieben ist als eine konstante Besetzung der beschriebenen Randzonen des Freudschen Feldes.
Da der Überschuss der Quantität Q im Freudschen Feld persistiert, nicht im Rahmen des Lustprinzips abarbeitbar ist, kommt vom Realen her stets eine Unmöglichkeit ins Freudsche Feld, welche das Lustprinzip subvertiert. Es ist also zum einen der Umstand, wie Lacan sagt, dass sich etwas nicht gleich so arrangiert, wie es die Hand gerne möchte, damit ist das Verzögerungsmoment anvisiert. Und es ist die Unmöglichkeit, dass, selbst wenn es sich so arrangiert, dass der Trieb ein Objekt ergreift, stets ein realer Rest bleibt.
Das eigentliche Objekt des Triebs also, das Objekt der Not des Lebens, ist genau jener reale Rest, als eigentliche Ursache des Begehrens, das Objekt a bei Lacan. Bleiben wir aber in Begriffen der elektrischen bzw. elektromagnetischen Montage Freuds, so läuft wohl die Idee der Befriedigung des Triebs darauf hinaus, dass die, innerhalb der PSI-Neuronen zirkulierende Quantität Q entlang der Bahnungen immer wieder die stärker besetzen Randzonen passiert. Der verstärkten Triebbesetzung der Randzonen wohnt gewissermaßen das vermeintliche aber verlockende Versprechen inne, hier den quantitativen Überschuss endgültig beseitigen zu können. La pulsion en fait le tour, wie Lacan sagt, der Trieb dreht also tatsächlich nur seine Runden innerhalb des Freudschen Feldes.
Was dabei glücken kann, das ist eine Frage, die uns hier beschäftigen wird, denn gewiss ist es nicht der Umstand, dass der Trieb zum versiegen kommt. Darauf werde ich jetzt aber nicht weiter eingehen.
Was klar geworden ist, das ist, dass das Objekt als ursächliche Größe irrelevant ist, schlichtweg, weil es als Wirkmoment gar nicht innerhalb des Freudschen Feldes vorkommt. Und im Grunde genommen demontiert Freud das Objekt als Bestandteil des Triebs auch selbst, bereits in der Art und Weise, wie er es überhaupt in die Reihe von Quelle, Ziel und Drang einführt. Es ist völlig variabel und unwichtig. Hier finden wir den Geist der Verneinung wieder, welcher verlangt, ein Element als Voraussetzung seiner Negierung überhaupt erst setzen zu müssen.
Der Begriff „Objekt“ verdient die Bezeichnung „mythisch“ im Gegensatz zum Trieb zu Recht. Denn der Objektbegriff hält sich bloß als massive Anreicherung anachronistischer Selbstverständlichkeiten einer Philosophie, welche sich längst überholt hat, ein seltsames Nachbrennen eines lange eingeschliffenen Gebrauchs. Und selbst wenn wir die vermeintliche Kompaktheit eines substanziellen Ganzen einmal fälschlicherweise ansetzen, so zeigt sich im Freudschen Feld keinerlei Öffnung, diese unterstellte Ganzheit eines Objekts irgendwie aufnehmen zu können. Wie gesagt, die Verursacher der Umweltreize sind jenseits des Freudschen Feldes. Das Freudsche Feld geht gewissermaßen durch die strukturierte Oberfläche den Reizen bloß entgegen, und zwar Reizen, die reine quantitative Anforderungen für das Nervensystem sind.
Selbst wenn wir ansetzen, dass es ja zahlreiche derartiger Öffnungen gibt und wir dementsprechend unser Objekt zum Partialobjekt zerstückeln, ändert sich nichts dran, dass wir zunächst nur quantitativen Reizzuwachs haben. Der Flaschenhals ist nicht nur eng, er weiß nicht im Geringsten etwas über die Zusammensetzung des Ortes von dem die Reize ausgehen, nicht einmal, dass die Reize von einem Ort ausgehen. Wie gesagt, wir sind hier rein in der Welt des bloßen quantitativen Zuflusses, der keinerlei Zeichen trägt.
Dem Objekt kommt also keine originäre Qualität zu, es ist ein spätes Produkt, ein bloßes Emergenzprodukt des Freudschen Feldes, welches erst auftritt, wo der Sprung ins Qualitative passiert ist. Das Objekt gehört der Welt der flüchtigen Inhalte an, vielleicht können wir es uns vorstellen als eine gleitende und sich immer wieder formulierende Idee irgendeiner Verkopplung der Randzonen mit einem Jenseits des Freudschen Feldes zum Zweck der unmöglichen Entladung der Not.
Im Bewusstsein zeigt der Trieb sich als das Moment des Flüchtigen bezogen jetzt auf den Inhalt, so sagt Freud. Das Flüchtige erlaubt weder einen festen Anfangs- noch Endpunkt. Die Zirkulation ist einfach anzusetzen. Etwa im Begriff der „Vorstellungsrepräsentanz“ kommt dieses Bewegungsmoment gerade in der Tautologie, nämlich dass Vorstellung und Repräsentanz im Grunde genommen ja dasselbe sind, zum Ausdruck. Repräsentanzen repräsentieren also stets nur Repräsentanzen. Den Punkt, den archimedischen, darf man nicht erwarten. In ähnlicher Weise kommt das flüchtige Moment zum Ausdruck, dort wo der Signifikant unter dem Signifikat weitergleitet und fortwährend die Eindeutigkeit subvertiert.
ALEXANDRA LAGEMANN:
„Der Mund der sich selbst küsst“ – Ausschweifungen zum Trieb
Der Trieb schafft Erregung, Spannung und Unruhe! Jawohl! Dazu ist er da, das ist sein Wesen. Der Trieb drängt noch durch seine Unterdrückung hindurch. Wo er tatsächlich schweigt, herrscht Grabesstille.
Die Sache mit dem Trieb ist eine sehr schwierige. Schwierig Lacan´ s Text zu lesen, schwierig über den Trieb zu reden und das hat nicht nur mit der Art und Weise zu tun, wie Lacan es auf sich nimmt, niedergeschrieben zu werden, bzw. mit seinem „in die Sprache geworfen sein“ – die Sache mit dem Trieb ist an sich eine schwierige, dunkle Angelegenheit.
Und dennoch: der Trieb ist das Kernstück der Psychoanalyse, ein zentraler Grundbegriff, ein Grenzbegriff zwischen Somatischem und Psychischem, der treibende Motor. Wir kommen nicht drum herum, wir können uns am Trieb nicht vorbeimogeln. So, wie auch das Subjekt dem Trieb nicht entkommt. Der Trieb greift vom Körperinneren her an, es gibt keine Flucht. Es gibt kein Entkommen.
Und eine Psychoanalyse ohne Trieb ist tot.
„Der Mund der sich selbst küsst“ – Ausschweifungen zum Trieb
Diese Metapher, ein Mund der sich selbst küsst, hat Freud für den Trieb gebraucht. Nun, ein an sich unmögliches Unterfangen? Ein sich selbstküssender Mund, der Trieb, der immer wieder auf sich selbst zurückkommt, auf sich selbst zurückfällt – autoerotisch, Triebquelle und Ziel fallen am Körper ineins, so Seifert (2008).
Und dann bleibt da immer eine Differenz, eine Leerstelle, etwas, was sich nicht schließen lässt. Der Mund als Raum, als Randzone für das ewig fehlende Objekt a.
Die Sache mit dem Trieb, der Triebbefriedigung hat also mit Verlust zu tun. „Verlust als fundamentales Erfordernis für Trieb und Begehren, so Maire Jaanus, eine englische Literaturprofessorin, in ihrem Aufsatz: „Die Demontage des Triebes“. (Ein nicht unkomplizierter aber spannender Text, den Norbert Leber aus dem Englischen übersetzt hat).
Also, der Trieb hat mit Verlust, mit einer Unmöglichkeit zu tun. Es ist also etwas, Unmögliches, Unstillbares, Ununterdrückbares, Unbezwingbares, Ununterbrochenes, Unmäßiges, permanent Insistierendes, Pulsierendes, Drängendes, Ursprüngliches, Archaisches?
Lacans Text die „Demontage des Triebs“ aus dem XI. Seminar hat auch etwas Unmögliches! „You drive me crazy!“ Und dennoch oder darum drängen sich Fragen auf: wohin treibst es? drängt es? Wie verhält es sich nun mit dem Trieb, der Triebbefriedigung und dem Begehren bei Freud und bei Lacan?
Hier ein Versuch den Trieb ein wenig zu umkreisen, letztendlich dann mehr Fragen und ein mehr an „crazy“.
Lacan hatte für den Begriff Trieb noch in den 50iger Jahren einen Vorschlag von Marie Bonaparte „batardis du mot“ (=Wortbastard) bzw. den Ausdruck „derive“ (=Abdrift) aufgegriffen.
Und Freud spricht in Jenseits des Lustprinzips vom wichtigsten aber auch dunkelsten Element der psychologischen Forschung und bezeichnet in seinen Vorlesungen zur Einführung in die PA 1933 die Trieblehre als unsere Mythologie: befremdend, spekulativ und hypothetisch.
Hier nun Lacans Signifikantenkette zum Begriff „Trieb“ aus seinem Text: „Die Demontage des Triebes“ (wörtlich übernommen): eine lange Geschichte; spezifische Verwendung; seine Vergangenheit bleibt zugedeckt; der Trieb als Bezeichnung für eine Art radikale Gegebenheit unserer Erfahrung; Charakter des Ununterdrückbaren; noch durch die Unterdrückung hindurch; etwas das drängt; eine letzte Gegebenheit; ein Archaisches; Ursprüngliches; Trieb im Bereich des Organischen? Stellt der Trieb die Äußerung der Trägheit im organischen Leben dar? Eine Stauung dieser Trägheit, welche die Fixierung darstellt? Trieb ist nicht Drang; Freud 1915 in „Trieb und Triebschicksale“ wichtig die 4 Begriffe zu unterscheiden. Drang an erster Stelle, Quelle, Objekt, Ziel – das ist nicht natürlich. Trieb ist ein Grundbegriff; Trieb zieht eine Bahn im Realen, dass es zu durchdringen gilt; Freud: der Trieb hat Teil an unseren Mythen, Konvention, die der Sache viel näher kommt. Drang mit einer Tendenz zur Entladung; Trieb als innerer Reiz; beim Trieb nicht der Druck eines Bedürfnisses wie etwa des Hungers oder des Dursts; Trieb als konstante Kraft; unmöglich eine momentane Stoßkraft; der Trieb ganz und gar nicht kinetische Energie; die Konstanz des Dranges verbietet jede Annäherung des Triebes an eine biologische Funktion, die immer einen Rhythmus hat; das erste von Freud über den Trieb: der Trieb ist nicht Tag und Nacht; nicht Frühling und Herbst; kein Ansteigen oder Abfallen. Es ist eine konstante Kraft. Befriedigung des Triebes an seinem Ziel? Das wilde Tier verlässt seine Höhle und wenn es gefunden hat, was es verschlingen kann, ist es befriedigt, es verdaut; auffallend, dass es 4 Schicksale gibt, wie die 4 Elemente des Triebes; Sublimierung ist Triebbefriedigung, wenn auch zielgehemmt, da sie nicht am Ziel ankommt; Sublimierung ist Triebbefriedigung ohne Verdrängung; im Augenblick grad vögle ich nicht, ich spreche vor Ihnen und! Ich kann genau die gleiche Befriedigung empfinden, als würde ich vögeln; der Trieb, der sein Objekt ergreift, merkt, dass er nicht auf diesem Weg befriedigt wird; zu unterscheiden Not von Bedürfnis; kein Objekt irgendwelcher Not / besoin ist im Stande den Trieb zu befriedigen; der Mund befriedigt sich nicht an der Nahrung, sondern an der Gaumenfreude; Freud: was das Objekt beim Trieb angeht, so hat dieses keinerlei Gewicht, es ist völlig gleichgültig; beim Oraltrieb geht es nicht um Nahrung, sondern um etwas, das „Brust“ genannt wird; zur Brust in ihrer Objektfunktion, als Objekt a als Ursache des Begehrens: la pulsion en fait le tour, der Trieb geht darin um, dreht seine Runde, Tour im Doppelsinn als Grenzpflock, Wendepunkt und Trick; Quelle des Triebes, Randstruktur, Mund, Lippen, Zähne, Anusrand als Quelle des Triebes; wenn der Trieb irgendeiner Sache gleichsieht, dann einer Montage; die Montage beim Trieb präsentiert sich ohne Schwanz und Kopf, wie eine Collage der Surrealisten. Eine Lichtmaschine, die an einen Gashahn angeschlossen ist, aus der eine Pfauenfeder herausragt, die eine hübsche Frau am Bauch kitzelt, welche nur der Schönheit der Sache wegen da ist. Die Sache wird da interessant, wo der Trieb die Möglichkeit hat, einen solchen Mechanismus umzudrehen – man spult die Drähte ab, die werden zur Pfauenfeder, der Gasanschluss ragt in den Mund der Dame, und in der Mitte ragt ein Bürzel heraus. Das ist das Ende der Signifikantenkette.
Bei Freud „ist der Sexualtrieb eine Montage, d. h. eine Zusammensetzung aus Einzelelementen, bestehend aus erogenen Zonen, oraler, analer oder phallischer Art, aus sexuellen Zielen, locker verbundenen Objekten, aus Lustempfindungen, die im höchsten Maße verschiebbar und flexibel sind und eine je verschiedene Entwicklung nehmen können“ (Seifert, 2008, 166). Der Trieb: unnatürlich, surrealistisch und unbestimmt.
Obwohl der Trieb bei Freud und Lacan das Kernstück der Psychoanalyse ist, bleibt der Trieb rätselhaft, an der Grenze zwischen Somatischem und Psychischem. Lacan teilt den Trieben die Funktionen der Einführung des Subjekts auf der Ebene des Realen zu, der Montage, durch die die Sexualität am Körper partizipiert und des Ausdrucks des verdrängten Begehrens via Symptom qua Geschlecht.
In Lacan´ s Text „Die Bedeutung des Phallus“ von 1958, also sechs Jahre vor der „Demontage des Triebes“, wurden die beiden Begriffe Trieb und Begehren noch nicht explizit von einander unterschieden. Trieb und Begehren sind auf charakteristische Weise miteinander verbunden. Hat das Begehren nun seine Wurzeln im Trieb? Gibt es ein triebhaftes Begehren? Ein Aufbegehren? Eine rebellische, subversive Seite des Begehrens? Die Unterscheidung dieser beiden Begriffe fällt immer wieder schwer: der Trieb manifestiert sich zwar im Begehren, Trieb und Begehren sind jedoch nicht identisch. Während das Begehren sich also innerhalb der Ordnung der Sprache, der symbolischen Ordnung, konstituiert, gilt für den Trieb, dass er sich in einer Ordnung außerhalb der Sprache konstituiert, im Realen. Der Trieb widersteht der Symbolisierung und existiert im Unbewussten nicht. Ein Trieb kann nie Objekt des Bewusstseins werden, sondern nur die Vorstellung, die ihn repräsentiert, der Trieb heftet sich an Vorstellungen, d. h. nun, so Avi Rybnicki in einem Seminar im Nov. 2011 sinngemäß: der Trieb als eine Art freie Energie, er wirkt nicht direkt, der Trieb ist nicht fassbar, Trieb wird erkennbar, durch das wie es wirkt, oder dadurch, wie ich genieße“. Ergänzend dazu Seifert (1987, 72): „Genau genommen ist nur der Triebweg aktiv oder passiv. Ein passiver Triebweg ist nicht ablesbar. Nur die nach außen, auf Objekte gerichteten aktiven Triebbewegungen sind sichtbar. Passive sind der Anschauung nicht zugänglich, z. B. nach innen gerichtete, masochistische Triebregungen“.
Die Triebe kommen aus dem Körperinneren und sind mit dem Psychischen vermengt, Triebe gehen also über das Organische hinaus. Seifert (1987, 58): „Von Triebcharakter kann erst dann die Rede sein, wenn der körperliche Reiz im Seelischen Vorstellungskraft angenommen hat“. Ohne diese Repräsentation spricht man von einem biologischen und daher bedeutungslosen Bedürfnis. Repräsentiert sind die Effekte der Begegnung der Triebe mit dem Anderen, wodurch sie einerseits als Sprache und andererseits als das, was die Quelle der Bedürfnisbefriedigung konstituiert, angesehen werden. Diese in Sprache repräsentierten Effekte können dann als das Begehren verstanden werden (vgl. Seifert, 2008). Die Triebe nehmen durch die Antwort des Anderen die Farbe des Begehrens des Anderen an.
Joel Dor schreibt in Instruction of reading Lacan: „Der Trieb manifestiert sich beim Kind z. B. ursprünglich als Unlust, die durch einen Zustand der Spannung, wie er der Triebreizung innewohnt, herbeigeführt wird. D. h.: Seele und Organismus befinden sich nicht in Harmonie. Seifert (1987) spricht von einer grundlegenden Mangelhaftigkeit des psychischen Apparates, bedingt einerseits durch rätselhafte, überstarke Vorstellungen, das Trägheitsprinzip und die Not des Lebens sowie andererseits die Hilflosigkeit des kleinen Individuums.
Das Kind befindet sich also im Zustand der Forderung nach Bedürfnisbefriedigung. Der Triebprozess in dieser ersten Befriedigungserfahrung vollzieht sich unter der Form des reinen Bedürfnisses“. Die Jouissance dieser ersten Befriedigung des Säuglings bleibt immer außerhalb des Erreichbaren, weil die Einmaligkeit dieser Jouissance in der Unmittelbarkeit dieses initialen Befriedigungserlebnisses – einer Brust und z. B.: gestreichelt werden, also Nahrungszufuhr und Nähe eines Sexualobjektes - ein Überschuss an Lust, an Genießen, Freud spricht von einer „Lustprämie“ – nicht durch den Anspruch des Kindes vermittelt wurde. Daraus folgt: Stellt nun das Kind einen Anspruch auf diese Bedürfnisbefriedigung, so wird es mit einem Verlust konfrontiert. Das daraus hervorgehende Subjekt versucht das Objekt a mit Hilfe des Körpers zu erfassen indem es sich an die Befriedigung erinnert. Das Objekt a wird, weil es schon immer fehlt, zum Objekt des Begehrens, wird zur eigentlichen Ursache des Begehrens und wird zum Objekt, um welches der Trieb kreisen wird. Dieses Objekt a ist das unmögliche Objekt des Begehrens und wird grundsätzlich von jedem möglichen Objekt unterschieden. Die Objekte, so Seifert, die von nun an als geeignet erachtet werden, den Trieb zu befriedigen, werden gemessen an der Vorstellung des ersten Befriedigungsobjektes, das als Idealbild aller Befriedigungserlebnisse bestehen bleibt und demgegenüber sich alle erreichbaren Ding-Objekte als ungenügend herausstellen. Die Triebobjekte stellen nichts weiter als Ersatzobjekte dieser primären, nicht-gegenständlichen Objekte dar, deren Spur im Psychismus erhalten geblieben ist und die der Trieb einzuholen versucht. Seifert sagt: „der Trieb umkreist die leere Spur, die der Eindruck des ersten Befriedigungsobjektes hinterlassen hat, und wendet sich dabei an den Anderen, dass er ihm das Rätsel dieses unergründlichen Fehlens beantworte.
So wird ersichtlich, dass Befriedigung nur partiell und passager gelingt, nie vollständig und endgültig, und dass z. B der Oraltrieb nicht nur am Triebobjekt „Nahrung“, sondern bereits an der Wortvorstellung, dem Bild oder auch am Aussprechen des begehrten Objekts Geschmack finden kann, z. B.: die Gaumenfreude. Maire Jaanus präzisiert: „der Instinkt ist desexualisiert, wohingegen der Trieb erotisch ist, d.h.: essen weil man hungrig ist, ist die eine Sache, aber zu essen in einem Traum, erfordert den Trieb mit seinem halluzinatorischen Erotizismus, für eine größere Befriedigung braucht es Erotisierung.
Die biologische Funktion hat ein Ende, einen Zweck, auf den sie abzielt. Der Trieb jedoch nicht. Der Trieb kommt auf Grund seines autoerotischen Charakters auf sich selbst zurück, der auf dem Versuch beruht, die ursprüngliche Befriedigung durch Halluzination wieder zu gewinnen.
LITERATUR:
LACAN, J. (1964): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminarbuch XI. Quadriga Verlag, Weinheim, Berlin 1987.
SEIFERT, E. (1987): Was will das Weib? Zu Begehren und Lust bei Freud und Lacan. Quadriga Verlag, Weinheim, Berlin 1987.
SEIFERT, E. (2008): Seele – Subjekt – Körper. Freud mit Lacan in Zeiten der Neurowissenschaften. Psychosozial – Verlag, Gießen, 2008.
NORBERT LEBER:
Sein Text wurde leider noch nicht auf Computer geschrieben und fehlt deswegen bislang.