Die Zeitschriften LACAN QUOTIDIEN und HERETIC




LETTER ABOUT THE NEW JOURNAL

 

by Jacques-Alain Miller

Madrid, 13 May 2017

 

By reading this letter, I announced to the audience of my Conference-debate the title of the international journal of Lacanian politics, which will soon appear as an online supplement to Lacan Quotidien.

 

It will publish texts without translation. It will have a wide network of correspondents throughout Europe and Latin America, from Australia to Siberia, with representatives in the United States and in China. All aspects of Lacanian reference in the political field will be present: from BHL’s La règle du jeu, to Jorge Aleman’s Izquierda lacaniana and Gérard Miller’s Mélenchonist option. We will also attempt to maintain discussion with philosophers, researchers, economists, historians, sociologists, whether established or young such as, in France, Étienne Balibar, Éloi Laurent, David Spector, etc.

 

It will be a publication at once with reference to Lacan and without any dogmatism, a sort of infinite conversation with which to orient ourselves in the world – “l’im-monde”, as Lacan said on occasion when he would be a bit nostalgic. And always with the maxim, “le maître de demain, c’est dès aujourd’hui qu’il commande”. But what is this master that is already secretly governing? This question is of pure Heraclitean style, but its response cannot be Heraclitean: “the lightning bolt” or “the combat” or “the child”. In the 21st century, we need a response in terms of structure.

 

“And Freud? You are not saying anything about Freud? – Freud forms the basis of all this, in as much as he said that die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie. And what is the name of the journal? – HERETIC.”


HIER KOMMT DER SCHWARZE MANN, GOYA
HIER KOMMT DER SCHWARZE MANN, GOYA

 

 

 

Jacques-Alain Miller

 

Conférence de Madrid

 

Samstag 13. Mai 2017

 

Palacio de la Prensa de Madrid

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Haben Sie die Eröffnung mit dem schwarzen Mann gesehen, dem Kinderschreck? Ich werde das nicht wieder aufgreifen, Sie haben das in Lacan Quotidien[1] gelesen. Ich gehe direkt in medias res des Gegenstandes.

 

Vom Reden … und Nicht-Reden

 

Wenn sich die Gesamtheit des Freud´schen Feldes in Lateinamerika vernetzt hat, um diese Konferenz zu hören und an der offenen Debatte teilzunehmen, so nicht deswegen, um mich über den Sieg Macrons bei der Präsidentschaftswahl reden zu hören. Das ist ein allseits bekanntes Ereignis, das ist bereits Geschichte, kalt. Was heiß, kochend, brennend und entzündlich ist, das ist etwas Anderes: Es geht darum, zu erfahren, wie sich Miller aus der Misere ziehen wird, dass die Note de Jorge Alemán sur Jacques-Alain Miller 500 likes bekommen hat[2]?

 

Es handelt sich selbstverständlich weitgehend um ein Missverständnis; Jorge hat sehr gut Licht in die Sache gebracht.

 

Das verhindert nicht, dass man bei der Gelegenheit etwas sehen kann, das gerade hier gut versteckt war: Eine bestimmte Geisteshaltung in Bezug auf mich in mehreren Sektoren der EOL (Escuela de la Orientiatión Lacaniana), sagen wir eine gewisse Animosität, gelegentlich eine wahrhafte Feindlichkeit. Es gab hier von jeher, so werde ich sagen: Distanz, Argwohn, gelegentlich einen Punkt der Entwertung.

 

In der Nacht von Facebook – für mich war es die Nacht, in Argentinien war es der Tag, denke ich – während ich mein „Extime 22“[3] mit Diana auf der ersten Seite geschrieben habe, erhielt ich laufend Botschaften meines Freundes Raquel Cors mit dem Inhalt: „Was passiert nur auf Facebook? Die negative Übertragung wird immer mehr“ etc. „Deine Analysanten, deine Ex-Analysanten kritisieren dich, trampeln auf dir herum! Das ist eine Sintflut!“

 

Ich muss sagen, es war mir sehr angenehm, dass ich am Montag per Mail einen Brief von Lito Matusevich erhalten habe. Zumindest einer, der sich erhob, um mich zu verteidigen und meine Argumentation auszubauen. Was schwierig war, vielleicht das Schwierigste für mich in der Nacht von Samstag auf Sonntag, waren nicht die Reden derer, die geschrieben haben, sondern die Nicht-Reden derer, die nicht geschrieben haben, derer, die mich nicht verteidigt haben. Wo also war meine große Freundin Frau Sowieso? Wo war mein großer Freund Herr Sowieso? Zu guter Letzt hat sich Jorge Chamorro erhoben, ohne Kontakt mit mir aufzunehmen. Chamorro hat sich also erhoben, und es freut mich, ihm zu sagen, dass ich seinen Brief enorm schätze, seinen Mut gleicherweise wie seine Intelligenz – und besonders, dass er versteht, dass die Vorsicht es unter bestimmten Umständen verlangt, ohne Vorsicht zu handeln. Der Begriff „Vorsicht“ hat zwei unterschiedliche Bedeutungen: Die Vorsicht im aristotelischen Sinne verlangt, ohne die bürgerliche Vorsicht zu handeln.

 

Ich werde mich nicht in diesem Register ausbreiten. Es genügt, dass ich keinerlei Lust habe, mich in der Position des Richters einzurichten, der ein Urteil über die Moralität meiner Kollegen fällt, über ihre Tugend oder ihren Mangel an Tugend. Jeder hat getan, was er konnte. Jeder hat getan, was ihm gefiel. Wie sagt der Dichter? Trahit sua quemque voluptas [„Jeden reißen seine Leidenschaften hin“]. Das ist eine Friedensparole. Die einen haben getan, was sie konnten, um mich zu verletzen, nicht nur wegen einer negativen Übertragung, sondern auch, um mich zu verpflichten, meine Aufmerksamkeit vom el culo del mundo [vom Arsch der Welt], wie Ihr Argentinier selbst gelegentlich Euer Land nennt, abzuziehen.

 

Proktologie

 

Ich habt mich verpflichtet, meine Aufmerksamkeit auf Euch zu richten, obwohl ich in eine großartige politische Schlacht, die die Ecole de la Cause freudienne, um die demokratischen anti-Le Pen Kräfte zu stützen, führt, eingetaucht war und in der ich immer noch bin! [JAM manifeste de la colère]. Es gibt ein kleines Buch von Kardinal Mazarin, adressiert an die Politiker. Es beginnt so: „Vorsicht, wenn Sie ein cholerisches Temperament haben, hüten Sie sich davor, es zum Ausdruck zu bringen.“ Ich werde meinen Diskurs in einer ruhigeren Tonart beginnen und …!“ Verzeihen Sie mir – das ist meine Schuld, meine große Schuld.

 

Die Kollegen, die mich verletzt haben, die meine Aufmerksamkeit wollten, brauchen mich als Proktologen des Landes. Es ist ihnen geglückt, eine argentinische Proktologiesitzung durch einen Spezialisten aus Paris zu bekommen.

 

Gegen Ende seiner Essays – sie machen drei Bände aus, und er hat nie damit aufgehört, Zusätze zu machen - , ziemlich am Schluss dieses enormen Werkes, schreibt er diesen starken, potentiell revolutionären Gedanken: Jeder Mensch sitzt auf seinem eigenen Arsch. Das beinhaltet die Dekadenz der Monarchie. Die Französische Revolution ist bereits in dem Satz – ich sehe, dass Rose-Marie Bognar einverstanden ist. Fügen wir hinzu, dass der Satz für das menschliche Geschlecht gilt, für Männer und Frauen. Aber fügen wir auch hinzu, dass es im männlichen Arsch ein kleines verstecktes Organ gibt, das sich Prostata nennt, das von Zeit zu Zeit, ab einem gewissen Alter durch den Finger des Arztes berührt, fast zärtlich gestreichelt werden muss. Ich habe diese Erfahrung das erste und einzige Mal vor zwei Jahren gemacht.

 

Man kann sagen, dass die Hälfte der EOL mir durch den Facebook-Kanal den Finger ins Rektum gesteckt, dann am Ausgang am Finger gerochen hat und seine Diagnose zum Besten gegeben hat: „Das riecht nicht nach einer korrekten Sublimierung.“

 

Andere haben alles getan, um nicht Protagonisten des Ereignisses zu sein, um sich vergessen zu machen, aber ihre Stille war in Wahrheit ein Schlüsselelement der Situation, wie die Stille des Hundes von Baskerville in den Abenteuern von Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes. Ihre Stille war das Äquivalent des „Ich kenne ihn nicht“ des Petrus, als er Christus verleugnet. Also, ich vergleiche mich mit Christus!

 

Es gab eine dritte Kategorie, wenige an der Zahl, und von daher umso wertvoller, die nicht mehr die populistische Arroganz der EOL ertrugen, die offene Missachtung des Rechtsstaates, die Unterstützung des unglückseligen Regimes Maduro, das geradewegs gegen die Wand fährt, die Maduro-muro.

 

Ich bin sicher, dass die in der EOL und in der ELP, die nach wie vor treu den Chavismus mit ihren vorgestrigen linken Idealen verteidigen, wohl wissen, dass dieser Chavismus in den Ruin führt.

 

Was mich angeht, habe ich genügend Begeisterung der Linken - zu der ich denke dazuzugehören – für die verlorenen Sachen[4]. Verlorene Sachen zu verteidigen ist eine Angelegenheit des Narzissmus, Lacan hat das aufgezeigt. Ich habe gestern beim Abendessen zu Kollegen gesagt, dass ich von Neuem Perioden wie diese, den Front populaire in Frankreich oder die der Befreiung 1945 erleben möchte, wo man tatsächlich effektive Ergebnisse für die Arbeiterklasse erhalten hat – oder, wo man, wie man jetzt in verkomplizierteren Begriffen sagt, effektive anhaltende Langzeiteffekte erhält. Die Errungenschaften der Front populaire überdauern in Frankreich, die der Befreiung auch. Der scheinbare Radikalismus des Kleinbürgertums, das sich wünscht, Karriere zu machen und seine Privilegien zu schützen, indem es vortäuscht, revolutionär zu sein, beeindruckt mich nicht.

 

Gut. All das ist Teil meines Augen-Blicks während der Nacht von Samstag auf Sonntag. Das hat mir ermöglicht zu sehen, was ich für Euch war. Ich habe beschlossen, nicht mehr diese Person zu sein. Nicht mehr dieser Meister, den man zu verletzen versucht, auch nicht dieser Freund, den keiner seiner Freunde verteidigt oder nur beinahe.

 

Jam 1 und Jam 2

 

Ich habe die AMP gegründet. Das war das Ergebnis eines langen Prozesses zahlreicher Jahre, und schloss eine große Anzahl von Personen mit ein. Die Erschaffung der AMP so, wie die der sieben Schulen war – ich sage das, wie es mir bei Schreiben von zwei oder drei Stunden gekommen ist – war ein Triumph der Liebe, der positiven Übertragung der Psychoanalyse gegenüber, Lacan gegenüber, der Gemeinschaft der Psychoanalytiker gegenüber und mir selbst gegenüber. Diese Schöpfungen haben uns während der Jahre Zutrauen gegeben.

 

Wo sind wir heute, 25 Jahre später? Man hat mich zur EOL eingeladen, zu einer Gedenkfeier. Ich bin nicht hingegangen. Ich mag keine Gedenkfeiern, sie klingen hohl. Die Libido ist geflohen. Die Grabstätte bleibt bestehen. Ich mag den Moment, dessen man 25 Jahre später gedenken will. 

 

Wo sind wir? Alles funktioniert. Ich habe Ihnen eine Welt erschaffen, die sich Freud´sches Feld nennt, mit der AMP, ihren Schulen, ihren Instituten, ihren Zeitschriften, ihren wie geschmiert laufenden Regeln, Zentralheizung, den ganzen Komfort. Ein gigantisches automaton, ein erstklassiger Algorithmus regiert das Freud´sche Feld – es ist weder der kurze Augenblick, noch das Kind, das regiert, wie bei Heraklit. Man braucht keinen Gründer mehr. Die Gründung, der Gründer, das sind vergangene Sachen. Und ich muss sagen, dass ich in dem Moment nicht weiß, ob ich weiterhin für Euch die Liebe und Wertschätzung habe, wie früher. Die Verletzung der letzten Woche ist da.

 

Ich werde es so sagen: „Jacques-Alain Miller der ersten Epoche ist verstorben. Er ist tot. Sie können ihm alle Vorwürfe der Welt machen. Er wird ruhig in seinem Sarg bleiben. Ich weiß, dass in 37 Verbindungsstellen, wohin diese Konferenzdebatte hin übertragen wird, dutzende Kollegen mit boshaften Vergnügen vermutlich Fragen vorbereitet haben, um mich mit einem Satz zu quälen, den ich anlässlich von Evita gesagt habe, bezüglich einer Beobachtung, die ich anlässlich der Aufnahme duzender Nazis durch Péron gemacht habe. Sie sollen wissen, dass ich von jetzt an, nach diesem Moment des Sehens und nach den ersten Momenten meiner Zeit des Verstehens, immunisiert gegen eure Pfeile und Dolche bin. JAM der zweiten Epoche ist geboren und er wird nicht die Schulden seines Vorgängers zahlen. Wenn es Schulden gibt, wenn ich Schulden Euch gegenüber habe, vielleicht gibt es auch einige Schulden eurerseits gegen mich – das ist möglich. Wir werden keine alten Schulden aufrechnen.

 

Das klinische Freud´sche Feld existiert. Die Schulen, die auch die professionellen Organisationen Lacan´scher Analytiker sind, existieren. Alles ist gut gegliedert, solide. Wenn es interne Spannungen gibt, behandelt Ihr sie, Ihr werdet sie behandeln. Ich habe mich, seit ich weiß nicht wie vielen Jahren, nicht in die Angelegenheiten der Schulen eingemischt.

 

JAM der zweiten Epoche ist in Wahrheit letzten Samstag geboren worden. Aus jedem Schlag, den JAM 1 eingesteckt hat, schöpft JAM 2 neue Kraft. JAM 2 widmet sich jetzt der Aufgabe, der Psychoanalyse im Feld der Politik, Existenz zu verschaffen.

 

Niemals haben Freud oder Lacan etwas Ähnliches gemacht, nicht wahr? Das ist ein Schritt, den ich mit einer bestimmten Vielzahl von Mnenschenbereits mache. Besonders mit der bewundernswerten École de la Cause freudienne, dessen Verwaltungsrat einhellig von den ersten Tagen des Monats März an seine politische und finanzielle Hilfe für die Strategie des Forums anti-Le Pen zugesichert hat. Einhellig folgte der Rat der UFORCA (Union zur Bildung in analytischer Klinik), der 18 frankophone Sektionen vereint, die seit 25 Jahren tadellos ohne irgendeine Krise geführt wurden – nicht die gleichen „Krisen“ unter Anführungszeichen, wie die, welche dieser Tage der NUCEP von Madrid erfährt.

 

In jeder Region sind, quasi die Totalität der Mitglieder der ECF, der Freunde der École, die der Vereinigung der Cause freudienne, in den Kampf eingetreten. Ich bin stolz als Analytiker, als Lacanianer und, was dazu kommt, als Franzose. Und ich füge das hinzu – ich bin stolz als Jude.

 

„Du bist Jude“

 

Niemals habe ich als Jude sprechen wollen, weil mich nichts dazu autorisiert. Das Judentum interessiert mich nicht. Das einzige, was ich vom Judentum habe, ist das, was mir mein Vater vermittelt hat: „Du bist Jude.“ Ich habe niemals die mindeste Idee gehabt „als Jude“ zu sprechen, als jemand, dessen Familie in Polen ausgelöscht wurde, oder sonst irgendwas dieser Art. Das ist mir mein ganzes Leben nicht in den Sinn gekommen.

 

Aber vor einer Woche habe ich entdeckt, wenn ich niemals als Jude sprach, wenn ich nicht als Jude dachte, wenn ich niemals als Jude sprach, dass man mich hingegen bei der AMP als Jude hören konnte. Denn ich habe gesagt, dass Perón SS-Leute in Argentinien aufgenommen hat (ohne Zweifel hat er das unter Druck des Vatikans gemacht; so hat man mich wissen lassen). Juan Carlos Tazedjián – vielleicht ist er heute unter uns - aus Valencia in Spanien hat mir einen Brief geschrieben, der veröffentlicht wurde, ein freundlicher Brief mit dem Wortlaut: „Ich verstehe, als Jude berührt sie das.“

 

Ich glaube, Tazedjián erfasst nicht das Ausmaß dessen, was er sagt. Implizit spricht er auf eine Weise, dass das, wenn sich jemand, der sich mit dem übermäßigen Entgegenkommen eines Staatschefs dem Nazismus gegenüber beschäftigt, eine jüdische Angelegenheit ist. Gut. Nie habe ich gedacht, dass ich als Jude spreche, aber wenn es das ist, was der andere, der mich hört mit zuschreibt, so werde ich es annehmen.

 

Erstens, wenn es also so ist, dann zeigt das, dass, wenn man dem Faschismus oder dem Nazismus Widerstand leistet, es Juden braucht.

 

Zweitens, werde ich keinerlei Pakt mit den Anhängern eines Staates ohne Gesetz eingehen; eines Staates, der durch eine Clique von debilen Soldaten und Funktionären, die die Macht, die sie innehaben, total überschreiten, gelenkt wird.

 

Drittens, unter gewissen Umständen, in einer Ausnahmesituation, kann man die rechtlichen Garantien suspendieren. Seit meiner Jugend war ich ein großer Bewunderer des Comité de salut public, das Frankreich während der Französischen Revolution vor der fremden Invasion gerettet hat, indem sie das eingeführt haben, was der Terror und das Gesetz des Verdächtigen genannt wurde und was erlaubte, bei den Leuten einzudringen, sie abzuurteilen, Akte jenseits des Gesetzes durchzuführen. In einem derartigen Moment der Dringlichkeit, muss ich sagen, habe ich keinerlei Schwierigkeiten, mich mit einem Saint-Just zu identifizieren, der die Streitkräfte überprüft und einen oder zwei Generäle erschießen lässt um den anderen eine Lektion zu erteilen; denen, die kämpfen müssen.

 

Nun, während der Französischen Revolution handelte es sich um eine provisorische Maßnahme. Niemals hätte Robespierre, der der Held meiner Jugend war und mein Held bleibt, diese Zeit verewigen wollen, wie Milner in einem kürzlich veröffentlichten Buch erzählt.

 

Das hat nichts zu tun mit der abscheulichen Absicht; von Chavez und Maduro, permanent jenseits des Rechtsstaats zu regieren. Das ist untragbar für einen Analytiker. Alle Mitglieder der NEL in Venezuela stimmen diesem Punkt zu, nicht wahr?

 

Das ist untragbar für einen Franzosen. Sie haben da keinen Zweifel, ich kann manchmal sehr hart sein; Ich bin kein Sklave des Gesetzes, aber es ist untragbar für einen Franzosen, wenn er sich an die Prinzipien der Aufklärung erinnert; und die Ausfklärung hatte in Frankreich bekanntlich die größte Wirkung.

 

Das ist untragbar für einen Juden, der weiß, dass die Juden immer die ersten Opfer der Missachtung des Gesetzes sein werden, der Missachtung der Gleichheit angesichts des Gesetzes. Ich kenne Tazedjián. Er ist kein Antisemit. Überhaupt nicht. Aber wenn er mich von Nazismus reden hört, hört er keinen Kollegen, hört er nicht seinen ehemaligen Analytiker, hört er nicht seinen Professor, dessen Lehre er seit Jahren gefolgt ist; Er hört den Juden.

 

Das ist kein Symptom von Tazedjián, und ich entschuldige mich, seinen Namen als Beispiel genommen zu haben. Ich habe ihn gewählt, weil Sie seinen Brief haben, der veröffentlicht wurde. Das ist ein Gefühl, das fortan omnipräsent auf der Ebene der Massen ist. „Die Juden wirken im Land. Die Juden geben vor, die Demokratie zu verteidigen, aber letztlich verteidigen sie nur ihr Leben und ihr Geld. Ihre Voreingenommenheit ist die des Überlebens Israels, einer Schöpfung des Imperialismus und des Kolonialismus.“. Kurz gesagt, all das ist nicht antisemitisch. Das ist nur die Vorbereitung zum Antisemitismus von morgen. Jeder möge über seine Verantwortung in dieser Hinsicht nachdenken.

 

Die Psychoanalyse im politischen Feld

 

Zu denken, dass die Psychoanalyse exklusiv nur eine Erfahrung von eins für eins ist, eine intime Erfahrung, die dem Chaos, dem Unbehagen jenseits entkommt, ist ein Irrtum. Ich zeige das auf der Stelle. Freud hat ein Buch mit dem Titel „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ geschrieben. Was liest man in der kurzen Einleitung? Einen Satz. Vielleicht den wichtigsten Satz des ganzen Werkes von Freud. Zumindest ist er die Basis meiner aktuellen Operation, der von JAM 2.

 

„Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig der andere als Vorbild, also Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht, und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie, ...“[5]  Das ist der letzte Satz des ersten Absatzes der Einleitung.

 

Man kann damit Deutsch lernen, weil ausnahmsweise die Konstruktionen auf Deutsch, Spanisch und Französisch sehr ähnlich sind. „Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig der andere als Vorbild, also Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht, und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie, etc.“ Sehr einfach. Ein Pfeil.

 

Beginnen wir von neuem. Ich habe ein Projekt: Wir machen uns präsent, nicht nur in der Klinik, in der Individualpsychologie, wie Freud sagt, sondern in der Individualpsychologie, sofern sie Kollektiv ist; das heißt im politischen Feld. Nicht als politische Partei, sondern insofern, als Psychoanalytiker etwas zur Menschlichkeit beitragen können und in dem Moment für die Zivilisationen etwas bringen. Was diesen Zugang angeht, hat Lacan gesagt und wiederholt gesagt, dass er das hofft, aber er ist nicht so weit gekommen, das konkret zu machen. Er hat diese Eröffnung nicht erreicht, die heute die unsrige ist. Er hat diesen Schritt nicht gemacht, obwohl sein Diskurs in diese Richtung geht.

 

Ein Brief des Vertrauens

 

Wir werden versuchen, uns vom Vergangenen frei zu machen. Der unglückliche Augen-Blick der letzten Woche hat sich bereits in eine gute Sache verwandelt. Indem ich mit 500 Personen in Spanien spreche, bin ich gleichzeitig dabei, mit ich weiß nicht wie vielen Kollegen in Lateinamerika zu sprechen. Der Text wird übersetzt in der ganzen AMP gelesen werden. Ein sehr gutes Ergebnis. Etwas Gutes ist aus diesem beunruhigenden Moment hervorgegangen.

 

Ich werde nicht versuchen, die Vergangenheit hinsichtlich des Themas „Evita und Perón“ zu reinigen, ich werde es lieber vermeiden, auf dieses Thema zurückzukommen.

 

Der Ehemann von Rosa López, Gustavo Dessal, der gemeinsam mit Miguel Bassols den Vorsitz dieser Konferenz hat, und der Psychoanalytiker und Schriftsteller ist, hat einen sehr schönen Brief über dieses Thema geschrieben und ich glaube, diesem Brief vertrauen zu können. Das ist nicht ohne jede Überlegung, dass ich das glaube. Tatsächlich habe ich dann einen anderen Brief von Professor Osvaldo Delgado von der Universität Buenos Aires bekommen. Er versuchte, mir auch einen Vorwurf zu machen. Eine ganze Nacht der Vorwürfe gegen mich auf Facebook, das genügte nicht, er musste mir seinen eigenen Stein hinaufwerfen, indem er mir sehr amikal zu verstehen gab, welchen Schmerz ich ihm mit meinen Äußerungen über Evita und den General Perón bereitet habe. Ich habe ihm geantwortet: „Ich habe einen Brief erhalten und ich möchte Ihre Meinung zu dem Thema erfahren“, und ich habe ihm den Brief von Gustavo Dessal geschickt. Osvaldo Delgado hat mir im Wesentlichen geantwortet: „Ich habe noch nie etwas derartig Kundiges über dieses Thema gelesen.“

 

Nicht nur der Brief von Gustavo Dessal stellt mich zufrieden, sondern auch der von Osvaldo Delgado. Ich glaube, ich kann zur Befriedung der Herzen vorschlagen, uns auf den Brief von Gustavo Dessal zu beziehen.[6]

 

Ein Barbar in Asien

 

Gehen wir einen Schritt weiter. Als Gustavo mich gestern Abend am Flughafen abgeholt hat, habe ich über einen französischen Dichter gesprochen. Ich hatte vor, mich hier auf Henri Michaux zu beziehen, und ich habe Gustavo gefragt, ob er ihn kennt. „Sicher!“, hat er mir geantwortet und mir das Werk zitiert, über das ich vor Ihnen sprechen wollte. Henri Michaux – ich werde das nicht weiter ausführen – hat in seiner Jugend ein Buch geschrieben. Er ist nach Asien gereist und er ist mit einem Buch zurückgekommen, das sich Ein Barbar in Asien nennt[7], weil er die Unmöglichkeit erfahren hatte, das Geheimnis Asiens wirklich durchdringen zu können. Das ist das Gegenteil von Lawrence von Arabien, der, indem er sich zum Kopf der arabischen Revolte machte, arabischer wurde als die Araber.

 

Ich bin ein Barbar in Argentinien. Ich bin dorthin 20 oder 25 oder 30 Mal gereist. Ich habe dort stundenlang ohne Unterlass mit zahlreichen Personen in unzähligen tertullias gesprochen. Während der Jahre habe ich dort Freunde gehabt, Freunde und Feinde gleicherweise. Ich habe auch einen oder zwei Argentinier geliebt. Ich könnte denken, dass ich ein intimes Wissen von Argentinien habe.

 

Aber den Schluss, den ich aus der Facebook-Alemán-Episode ziehe, ist, dass ich immer ein Barbar in Argentinien bin. Vielleicht sind daher die Argentinier immer Barbaren für die Franzosen, mit Ausnahme derer, die französischer geworden sind als die Franzosen, so wie Esthela und Luis Solano.

 

Der Rechtsstaat

 

Da ist nicht der Kern der Frage. Der Knoten der Frage ist der Rechtsstaat. Die Marxisten – ich betrachte mich nach wie vor als Marxisten, sicherlich erneuert, verändert, lacanisiert, aber der Marxismus bleibt mein Bezugspunkt – machen eine Unterscheidung zwischen den formellen Freiheiten und den realen Freiheiten. Das ermöglichte einstmals zu zeigen, dass man in der Sowjetunion freier war als in den Vereinigten Staaten.

 

Ich glaube, dass das heute unhaltbar geworden ist. Führen wir diese Debatte. Der Begriff des Rechtsstaates ist nicht so klar heute, das ist ein junger Begriff. In Frankreich hat meine teure Freundin Blandine Kriegel, in die ich verliebt war, als wir zwanzig Jahre alt waren, die Philosophin und Universitätsprofessorin, viel gearbeitet, um diesen Begriff des Rechtsstaates einzuführen. Wir müssen das studieren. Was sind die Grenzen des Rechtsstaates? Das ist ein Fahrwasser. Wir müssen, denke ich, darüber diskutieren, denn die Möglichkeit der Psychoanalyse selbst ist an die Freiheit der Meinungsäußerung geknüpft.

 

Gestern während des Abendessens - aufgrund einer Flugverspätung haben sich etwas 20 Personen zu später Stunde getroffen - habe ich Susana Prieter gefragt, ob eine Versammlung wie diese in Caracas möglich wäre. Sie hat das verneint, denn es ist nicht möglich, nach sieben Uhr abends aus dem Haus zu gehen. Susanna ist keine arme Arbeiterin. Wie wir ist sie eine Kleinbürgerliche oder eine Mittelständlerin und sie sagt, wie wir es an ihrer Stelle sagen würden, dass es ihr nicht möglich ist, auf diese Weise zu leben.

 

Der amerikanische Druck ist ein politischer Faktor, der in Betracht gezogen werden muss, aber die Chavez-Maduro-Lösung ist die Schlimmste: Das ist meine Meinung, die unendliche Fortsetzung einer Sackgasse. Ich respektiere andere Meinungen. X-mal habe ich mich getäuscht. Ich habe nicht an einen Mai 1968 geglaubt und er ist gekommen. Als ich Emanuel Macron das erste Mal im Fernsehen gesehen habe, habe ich nicht geglaubt, dass er sich bei der Präsidentschaftswahl behaupten können würde, es ist ihm geglückt. Also ich täusche keine Unfehlbarkeit vor.

 

Die Formulierung eines Netzes

 

Es ist nicht die Frage, eine politische Partei zu schaffen. Ohne das hier aufzugreifen, sagen wir, ich beziehe mich auf die Position von Simone Weil[8], für die die Erfindung einer politischen Partei diabolisch ist, weil die Menschen von ihrer Freiheit zu denken ablassen. Sie wollte in der Politik Leute, die ihrem eigenen inneren Licht treu sind. Das ist ein komplizierter Begriff, nicht sehr klar, nicht ohne Bezug zu Descartes, und gleicherweise zu etwas Mystischem sowie zur Aufklärung.

 

Um in der Politik zu arbeiten, ist der Autonomie des Denkens zu vertrauen, ebenso notwendig, wie das Niveau der Identifikationen herabzusetzen, um dorthin zu kommen, dass jeder sich auf seine eigene Meinung bezieht. Anders gesagt, die Reaktionen nicht der Masse anpassen, sich nicht mit dem Bezug auf einen Chef zu begeistern. Im Gegenteil handelt es sich darum, etwas Multiples zu tun, zu artikulieren und zu diskutieren.

 

Ich habe das Projekt einer Zeitschrift angekündigt. Um es kurz zu machen; das einfachste ist, ich lese das Communiqué, das ich geschrieben habe, damit es meine Tochter in Lacan Quotidien in Umlauf bringt. Ich möchte anfänglich zwei Zeilen abfassen, und letztendlich präsentiere ich es in der Form eines „Briefes über eine neue Zeitschrift.“ [9]

 

 

Aus dem Französischen

Andreas Steininger

 



[1] Cf. Miller J.-A., « Apertura de la Conferencia de Madrid », ouverture de la Conférence de Madrid, Lacan

Quotidien, n o 695 , 13 mai 2017. J.-A. Miller y commente l’expression ¡Qué viene el Coco! [« Voici que vient le croquemitaine

»].

[2] Cf. Alemán J., « Nota sobre Jacques-Alain Miller », Lacan Quotidien, no 694, 12 mai 2017.

[3] Cf. Miller J.-A., « Journal extime 22 », Lacan Quotidien, n o 690 , 8 mai 2017

[4] Cf. Lacan J., « Subversion du sujet et dialectique du désir dans l’inconscient freudien », Écrits, Paris, Seuil,

1966, p. 826.

[5] Freud S., « Psychologie des foules et analyse du moi » (1921), Essais de psychanalyse, Paris, Petite Bibliothèque

Payot, 1981, p. 123.

[6] Cf. Dessal G., « Carta a JAM », Lacan Quotidien, n o 694 , 12 mai 2017.

[7] Cf. Michaux H., Un Barbare en Asie (1933), Paris, Gallimard, coll. l’Imaginaire, 1986.

[8] Cf. Weil S., Écrits de Londres et dernières lettres, « Note sur la suppression générale des partis politiques », Paris,

Gallimard, 1957. Cf. Stevens A., « 22 avril : le Forum européen SCALP de Bruxelles », Lacan Quotidien, no 672,

27 avril 2017.

[9] Cf. « Lettre sur la nouvelle revue » parue dans Lacan Quotidien, n o 696 & 697 des 14-15 mai 2017, en espagnol,

français et anglais.